Die Hoffnung aller Hoffnungslosen oder: Seltsame Kredite aus Paraguay
In Inseraten und auch im Internet stößt man immer wieder auf Anzeigen, die Sofort-Kredite ‚ohne Wenn und Aber‘, ‚Kredite für alle‘ oder ‘Kredite auch bei Bankablehnung’ anbieten. Die große Hoffnung für alle hoffnungslos finanziell Gescheiterten und alle die kurz vor diesem schlimmen Zustand stehen – und für alle Unternehmer, die in der viel besagten “Kreditklemme” feststecken. Kommen sollen diese Kredite dabei häufig aus Paraguay.
Eines gleich vorweg: Es ist einem großen Finanzportal im Internet und auch einer nicht geringen Anzahl von Journalisten schon seit mehreren Jahren nicht gelungen, auch nur einen einzigen aufzutreiben, dem erfolgreich ein Kredit aus Paraguay vermittelt worden wäre.
Und man kann schon einigermaßen beruhigt davon ausgehen, dass, wenn investigativer Journalismus etwas nicht findet, es auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tatsächlich nicht existiert. Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt – und man könnte ja schließlich immer noch der Erste sein, der einen Kredit aus Paraguay erhält.
Es mutet eigentlich schon irgendwie seltsam an, dass gerade eines der ärmsten Länder der Erde mit einer bis vor einigen Jahren noch katastrophal hoffnungslosen Wirtschaftslage und einer gewaltigen Inflation das große Kreditparadies für die Welt sein soll. Die wortreichen Begründungen, die von angeblichen Kreditanbietern dafür genannt werden, sind dabei gleichermaßen vielfältig wie exotisch.
Indes ist zwar tatsächlich seit 2003 ein leichter wirtschaftlicher Aufwind im Land zu bemerken, von einer stabilen Wirtschaftslage kann aber in dem massiv vom Dollar abhängigen Land bei Weitem immer noch keine Rede sein. Selbst die Neuverschuldung liegt noch immer weit jenseits der 20-%-Marke des Bruttoinlandsprodukts. Solche Länder sind üblicherweise, wenn überhaupt, eher noch Investitionsparadiese, aber ganz sicher keine Kreditparadiese. Wo kein Geld ist, wird üblicherweise auch eher ungern welches im großen Stil verliehen. Und schon gar nicht an arme Erwerbslose an der Grenze ihrer finanziellen Existenz, ohne jede Prüfung der Kreditwürdigkeit. Das wäre ja genau genommen ein Schuss ins eigene Bein.
Paraguayische Banken vergeben aber – wie jede andere Bank auf der Welt – natürlich auch Kredite. Allerdings entspricht das in Paraguay übliche Zinsniveau nicht ganz unseren Verhältnissen: Im Durchschnitt werden auf paraguayischen Banken Kreditzinsen in der Höhe von 42,5% pro Jahr verlangt. Wer wollte da wohl noch einen Kredit?
Der astronomische Zinssatz ist verständlich, bei der chronischen Geldknappheit im Land, noch mehr seit dem Ende der Ära Stroessner Anfang der 90er Jahre. Für die Einheimischen in Paraguay spielt das ohnehin nur sehr wenig Rolle – die meisten von ihnen würden sowieso niemals einen Kredit bekommen, und die meisten Paraguayer machen ohnehin schon aus Erfahrung grundsätzlich einen großen Bogen um ihre Banken im Land.
Was Paraguay allerdings unbestritten tatsächlich ist: eine Steueroase. Ausländisches Einkommen wird hier gleich gar nicht besteuert, bei im Land erwirtschafteten Einkünften erwartet die einigermaßen Normalverdienenden ein Steuersatz von schon fast unwirklich anmutenden 10%. Der Spitzensteuersatz für alle jene, die dann wirklich reich sind: gerade mal 30%. Und ‘wirklich reich’ bedeutet in diesem Fall auch wirklich: reich. Mit Luxus-BMW, und allem, was dazugehört.
Wobei das mit den Steuern in Paraguay ohnehin so eine Sache für sich ist: Umsatz- und Mehrwertsteuer werden ohnehin meist nur äußerst widerwillig und ungern abgeliefert, oder gleich gar nicht, ohne dass das allzu große Folgen hätte. Grundsteuern, die an die jeweilige Gemeinde zu zahlen sind, werden fast immer sowieso nur dann bezahlt, wenn das jeweilige Grundstück verkauft werden soll – das geht nämlich in Paraguay wirklich nur, wenn alle Steuern und Abgaben dafür bezahlt sind. Da Paraguay aber keinerlei Säumniszuschläge oder Strafen für nicht bezahlte Steuern kennt, warten in allen anderen Fällen die Gemeinden meist jahrelang geduldig und hoffnungslos auf ihr Geld. Und darben dabei vor sich hin. Der Albtraum eines jeden Finanzbeamten hierzulande also. Aber schön für alle, die dort leben. Irgendwelchen chronischen Habenichtsen kann man also zwar ganz bestimmt nicht zu einem Kredit aus Paraguay, aber immerhin wärmstens zu einem Wohnsitz ebendort raten.
Nichtsdestotrotz findet man immer wieder Anzeigen im Internet, und in den noblen, wie der FAZ, und in nicht ganz so noblen Blättern, die für Kredite aus Paraguay werben. Gelockt wird dabei fast immer mit “SCHUFA-freien” Krediten und mit Vergabe auch bei desaströser Bonität und Bankablehnung. Dieser Weg erweist sich als nicht ungeschickt – der Flut von Anfragen auf solche Anzeigen hin ist durchwegs beträchtlich. “Natürlich” sind einige Vorkosten zu leisten, erst mal, und die sind auch nicht ganz gering. Das scheint auch der Hauptzweck der meisten Anzeigen zu sein – immerhin lässt sich auf diese Weise eine Menge Geld verdienen an den armen Geprellten. Und 2.000 Euro sind in Paraguay, wo das Leben im Vergleich zu hier relativ billig ist, eine ganze Menge Geld.
Überdies, in einem Land, in dem das Wort “Rechtssicherheit” immer noch kaum jemand wagen würde, groß zu schreiben, und in dem Korruption und betrügerische Geschäfte eben immer noch als unvermeidbare Begleitumstände der Armut und der schwierigen wirtschaftlichen Lage hingenommen werden, wird die Ahndung solcher Betrügereien nun eben nicht gerade mit der allergrößten Akribie und Begeisterung betrieben. Darauf kann man sich durchaus verlassen.
Besonders trickreich angelegt sind dabei jene Anzeigen, die mit Krediten “aus Drogengeldern” werben, die auf diese Weise gewaschen werden sollen. Die Vermutung liegt da schon nahe, dass sich wohl kaum einer der Geschädigten in diesem Fall an die heimische Justiz zur Unterstützung wenden wird – wer würde schon freiwillig quasi offiziell zugeben, sich mit Drogengeldern zu finanzieren. Nicht dass der Versuch – zumindest in hiesigen Breiten – eine allzu besonders strafbare Sache wäre, aber das eigene Image leidet hierzulande solcherart dann doch wohl sehr darunter. Obwohl man eigentlich meinen müsste, für Geschäfte dieser Art sei wohl eher Kolumbien, und nicht gerade Paraguay, das passende Land.
Einige Fachleute vermuten – und das wohl nicht ganz zu unrecht – dass es gerade deshalb Paraguay ist, weil das Land ein durchaus beliebtes Ziel deutscher Auswanderer ist. So um die 7% aller in Paraguay Ansässigen sind tatsächlich Deutsche, oder zumindest Menschen ursprünglich deutscher Herkunft. Die deutsche Kultur spielt in Paraguay auch eine durchaus nicht unwichtige Rolle und solcherart ist dann schon verständlich, dass der Versuch, einem wenigstens kulturell ein bisschen nahestehende Landsleute ins Fettnäpfchen zu locken, schon gar keine seltene Idee ist, um den eigenen Lebensstandard ein bisschen zu erhöhen.
Für zwei der zahlreichen deutschen Auswanderer interessierte sich vor einer Weile übrigens auch die bayerische Staatsanwaltschaft. Die beiden Bayern waren – wegen diverser Betrugsdelikte in Bayern bereits gesucht – nach Paraguay geflohen. Dort wäre so weit ja alles gut gegangen, hätte man sich nicht wegen gerade mal 7 Schweinen miteinander überworfen – was dazu führte, dass einer der beiden wegen dieses Bagatelldeliktes hinter Gittern landete, und dann – wie das böse Schicksal es oft will – prompt einem Auslieferungsantrag nach Deutschland ins Gesicht sah. Der Traum war dann wohl geplatzt.
Ansonsten tut sich – abgesehen von solchen eher glücklichen Zufällen – hinsichtlich der Aufklärung und Strafverfolgung bei diesen weitverbreiteten Vorkosten- und Kreditbetrugsmaschen hierzulande eher wenig – auch wenn es sich mittlerweile zumindest ein bisschen herumgesprochen zu haben scheint, dass man wohl kaum mit der Erfüllung der Kreditversprechen rechnen können wird.
Nichtsdestoweniger gibt es aber immer noch genug Leute, die entweder verzweifelt genug sind, oder genug an ihren Glücksstern glauben, es dennoch zu versuchen. Genügend viele jedenfalls immer noch, dass einige Menschen in Paraguay, dessen Name übrigens bezeichnenderweise bedeutet “Wasser, das zu Wasser führt”, fürstlich davon leben können.
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